Buchbesprechungen

 

Haute Couture aus Osnabrück

Bereits 1899 arbeitete Wilhelm Karmann in Köln bei der Firma von Heinrich Scheele, dem Pionier des deutschen Elektrowagenbaus – hier lernte er, wie man Fahrzeuge aller Art bauen konnte. Und als die Erben des renommierten Wagenbaubetriebs Christian Klages in Osnabrück wegen des Todes seines Eigentümers einen neuen Eigentümer suchten, zögerte Karmann keine Sekunde und übernahm den bereits 1874 gegründeten Betrieb. Zwar hatte der neue Besitzer seine Mühe, die Finanzierung zu stemmen, doch letztlich klappte die Übergabe und Wilhelm Karmann war nun der Besitzer eines für damalige Verhältnisse hochmodernen Betriebs für Wagenbau – mit zehn Mitarbeitern und einer zusätzlichen Schmiede.
Wer heute den Namen Karmann hört, denkt zuerst an den unvergessenen Karmann Ghia, jenes bildhübsche Gefährt, mit dem VW einen Exoten und Karmann einen Bestseller im Portfolio hatte. Die Geschichte umfasst aber wesentlich mehr Modelle, die Bernd Wiersch in seinem neuen Band mit gewohnter Perfektion beschreibt. Und so tauchen Adler- und Hanomag-Modelle neben Ford Taunus, Opel Diplomat-Coupés und den diversen BMW- und Porsche-Beautys auf. Der Nukleus dieses Bands ist jedoch die faszinierende Karmann Ghia-Story, mit der das Unternehmen den Bau der Käfer-Cabriolets ergänzte und den Namen weltweit publik machte. Ein Band, der ein großes und wichtiges Stück deutschen Karosseriebaus beschreibt und mit dem letzten gebauten Chrysler Crossfire im Februar 2004 ein unverdientes Ende fand. Schade, dass dieses Unternehmen in die Insolvenz gehen musste – gut, dass es nun diesen Band über Karmann gibt. lew.
Bernd Wiersch, Die Karmann-Story, Verlag Delius Klasing, € 29,90.
 

Schneller geht es nicht mehr

Es ist schon in gewisser Weise erheiternd, dass sich die schnellsten Autos, Trucks und Motorräder dieser Erde ausgerechnet in den USA, auf dem Salzsee bei Bonneville im Bundesstaat Utah austoben dürfen. Während ansonsten der Sheriff für moderate Geschwindigkeiten sorgt, darf hier hemmungslos Gas gegeben werden – und dabei sprechen wir durchaus von Geschwindigkeiten von mehr als 500 km/h. Kein Wunder, dass sich hier alljährlich eine wilde Mischung aus Auto-Freaks, Adrenalinjunkies und seriöser Ingenieure trifft. Viele Männer und kaum Frauen, die mit selbstgebauten Gefährten in einer nahezu unerschöpflichen Sammlung von Kategorien um die Pokale kämpft – und über die Jahre und Jahrzehnte zu einer eingeschworenen Gemeinschaft mutierte, in der jeder – vom jungen Bastler bis zu dem in Ehren ergrauten 80jährigen – voller Stolz sein Fahrzeug zeigt, um sich dann auf die weiße Salzwüste zu begeben und dort Rekorde zu jagen.
Alexandra Lier war 1999 zum ersten Mal auf der berühmten Speed Week, und dies war der Beginn einer bis heute anhaltenden Leidenschaft für die einzigartigen Gefährte, deren unverwechselbarem Klang – der als QR Code am Ende des Buchs abrufbar ist – und den Protagonisten dieses Spektakels. Eine wunderschöne Hommage an die legendären Rennen auf dem Salzsee, deren Mischung aus High-Tech und einer faszinierenden Landschaft einzigartig ist. lew.
Alexandra Lier, The World`s Fastest Place, Verlag Kehrer, € 39,90.
 

Der Porsche-Jäger

Auch wenn die sportliche Mercedes-Tochter AMG in den vergangenen Jahren mit dem McLaren-SLR und dem SLS zwei großartige – und teure – Sportwagen auf die Räder gestellt hat, so spielten die in größeren Stückzahlen gefertigten komfortablen SL-Modelle doch in einer anderen Liga. Kein Wunder, dass man sich bei AMG schon lange Gedanken machte, einmal einen agilen Sportwagen zu entwickeln, mit dem man die Ikone 911 direkt angreifen konnte. Das Ergebnis war dann AMG GT, der im Oktober 2014 auf dem Pariser Autosalon Weltpremiere feierte und seit Sommer immer öfter auf den Straßen zu sehen ist.
Natürlich ließ es sich AMG nicht nehmen, die Entwicklungsgeschichte dieses betont sportlichen Coupés aufwändig zu begleiten und daraus ein schönes und lesenswertes Buch zu machen. Natürlich überwiegen die faszinierenden Fotos aus der Entwicklungszeit, in der der GT rund um die Welt getestet wurde – dazu kommen aber auch in die Tiefe gehende technische Erläuterungen zu dem neuen AMG-Geschöpf, eine ausführliche Designgeschichte sowie eine kurze Geschichte des Unternehmens selbst. Erfrischend gestaltet ist dieses Buch der kongeniale Partner für denjenigen, der sich einen GT leisten kann – und für denjenigen, für den dieser Wagen ein Traum bleiben wird. lew.
Markus Bolsinger / Marco Brinkmann / Tom Ising, AMG GT – A Star is born, Verlag Delius Klasing, € 39,90.
 

Ingenieur und Gentleman

Es ist schon interessant, dass man so lange auf eine Biografie über Rudolf Uhlenhaut warten musste – denn Uhlenhaut war eine faszinierende Mischung aus Ingenieur, Manager und Rennfahrer. Obwohl er die Profession des Rennfahrers niemals ausüben durfte – doch dazu später mehr. Geboren wurde der Kosmopolit 1906 in London, wo sein Vater Direktor der Londoner Filiale der Deutschen Bank war. Dann zog die Familie 1914 nach Brüssel, wohin Max Uhlenhaut versetzt wurde um dann 1920 nach Bremen zu ziehen, wohin die Firma Max Uhlenhaut als Leiter der Bremer Filiale berief. In München studierte er dann von 1926 bis 1931 Maschinenbau, danach begann er bei der Daimler-Benz AG einen kometenhaften Aufstieg: Zuerst in der Versuchsabteilung angesiedelt wird er nur drei Jahre später Leiter der Fahrabteilung um am 1. Januar 1936 zum Technischen Leiter der neu gegründeten Rennabteilung berufen zu werden.
Heute kaum vorstellbar, ist Uhlenhaut mit 30 Jahren für die legendären, hochkomplexen Silberpfeile verantwortlich, wofür aber nicht nur seine überragenden technischen Kenntnisse, sondern auch die Tatsache verantwortlich war, dass er diese Boliden so schnell wie seine Rennfahrer bewegen konnte. Wenn ihm also ein Rennfahrer etwas über den Wagen berichtete, setzte er sich selbst ans Steuer und konnte dann anschließend bewerten, was sein Pilot gemeint haben könnte. Er war also Rennfahrer, durfte aber nie Rennen fahren – der Vorstand verbot es ihm einfach. Wolfgang Scheller und Thomas Pollak haben dieses faszinierende Leben in allen Aspekten recherchiert – und dabei natürlich auch die Genese des legendären 300 SL mit den Flügeltüren beschrieben, der von 1952 an bei Rennen zu sehen war, und so viel zum Mercedes-Mythos beigetragen hat.
Warum es dieses wichtige Buch bis heute nicht gab, wird bei der Lektüre klar: Uhlenhaut war mehr als zurückhaltend, wenn nicht scheu in seinem Auftritt in der Öffentlichkeit. Gut, dass die beiden Autoren die Geschichte dieses Mannes nun zusammengetragen haben. Mercedes-Benz wäre ohne ihn vielleicht an anderes Unternehmen geworden. lew.
Wolfgang Scheller / Thomas Pollak, Rudolf Uhlenhaut – Ingenieur und Gentleman, Verlag Heel, € 49,95.
 

Gasoline and Magic

Je unsichtbarer die Rennfahrer werden, je komplizierter die Technik wird, je unübersichtlicher die Regieanweisungen hinter den Kulissen werden und je seltener Spannung herrscht – desto mehr verfallen immer mehr Betrachter der Faszination des Rennsports, als die Fahrzeuge noch Individualität besaßen und die Rennfahrer Persönlichkeiten waren, die sich auch gerne mit ihrem Fans sehen ließen. Deshalb wundert es auch nicht weiter, dass es derzeit ein Revival alter Fotos gibt, dass die großen Fotografen der 50er, 60er und 70er Jahre als die Könner gefeiert werden, die sie tatsächlich waren. Marianne Gräfin Sayn-Wittgenstein-Sayn, Werner Eisele, Hans-Peter Seuffert (um nur die deutschen Namen zu nennen) – sie alle haben große Ausstellungen. Und mitten in dieses Geschehen bringt die Edition Patrick Frey nun einen wunderbaren Band mit Rennfotos von Amateuren – über Jahre hinweg gesammelt von Thomas Horat, die auf ihre Art und Weise zeigen, wie nah man sich damals als Fan am Geschehen teilhaben konnte. Das Ergebnis sind wunderbare Fotos einer wahrhaft „magischen“ Zeit – der Titel „Gasoline and Magic“ bringt dies perfekt zum Ausdruck.
Nehmen Sie das Buch in die Hand, blättern sie darin und entdecken Sie einen babyblauen Porsche 917, Männer mit tief aufgeknöpften Hemden und wilden Bärten, viel Haar und daneben die Frauen mit viel Lidstrich und beeindruckenden Schlaghosen. Pedro Rodriguez entspannt sich auf einer Steinmauer, Jo Siffert steht in weißen Jeans und Cowboystiefeln rum und Ayrton Senna ist zwar da, aber in seinen Gedanken sehr weit weg. Solche Bilder gibt es heute nicht mehr – dafür sorgt schon Bernie Ecclestone. Und die Rennen selber? Finden noch auf normalen Straßen statt – natürlich war das sehr gefährlich. Aber es war dennoch eine tolle Zeit, die in diesem Buch wunderbar eingefangen ist. lew.
Hilar Stadler / Martin Stollenwerk, Gasoline and Magic, Edition Patrick Frey Zürich, € 54,–, www.editionpatrickfrey.ch.
 

Der Scheunenfund

Wer träumt nicht von einem Scheunenfund, einem gediegenen Oldtimer, der in einer zugewachsenen Garage die Jahrzehnte überlebt hat? Einer der spektakulärsten Scheunenfunde der vergangenen Jahrzehnte war die Entdeckung der Baillon Collection, von der zwar einige wenige Eingeweihte wussten – an die jedoch wegen ungeklärter Erbschaftsfragen niemand herankam. Rund 100 Oldtimer waren in diesem Schloss untergebracht, darunter hochkarätige Klassiker wieder Ferrari 250 GT California Spyder, mit dem dereinst Alain Delon gefahren war, ein Maserati A6G 2000 Frua-Coupé oder diverse Hispano-Suiza, Delahaye oder Talbot-Lago. Bevor die Fahrzeuge dann im Sommer dieses Jahres zu schwindelerregenden Preisen versteigert wurden, gelang es noch, die schlafenden Schönheiten zu fotografieren. Rémi Dargegen hat mit der Unterstützung von Classic Driver die Fahrzeuge fotografiert – inmitten der Ställe, Hütten und Scheunen, in denen sie jahrzehntelang weggeschlossen waren. Ein Buch zum träumen: Was wäre, wenn man selbst einmal so etwas finden würde? lew.
Rémi Dargegen, Baillon Collection, Verlag Delius Klasing, € 19,90.
 

15 Pässe in 4 Tagen

Stefan Bogner hat sich ja mit seinen grandiosen Bildern von europäischen Pässen einen großen Namen gemacht – Bilder, die die Einsamkeit und die Macht der Berge dokumentieren, während die scheinbar unendlich vielen Serpentinen der Passstraßen davon zeugen, dass der Mensch immer einen Weg finden wird, die Barrieren zu überwinden.
Und nun reifte der Plan, die 15 wichtigsten Alpenpässe in vier Tagen zu überqueren – und für die Fahrt wählten Autos und Fotograf diverse Modelle des Hauses Porsche. Was letztlich eine konsequente Entscheidung war, denn es dürfte nur wenige Fahrzeughersteller geben, mit dessen Produkten die Überquerung der Alpen derart viel Spaß macht. Das Ergebnis umfasst 430 Seiten, dementsprechend viele grandiose Fotos und interessante Erlebnisse von Fahrern und deren teilweise sehr exotischen Gefährten: Neben den Klassikern fährt auch ein Carrera GT, 918 Spyder, 356 Speedster, Porsche 906. Ein Buch, das sofort den Reflex auslöst: Rein ins Auto und endlich einmal wieder eine tolle Passstraße fahren. lew.
Stefan Bogner / Jan Karl Baedeker, Porsche Drive, Verlag Delius Klasing, € 39,90.
 

Mercedes-Ikonen: 300 SLR

Am Anfang stand eine einfache Überlegung: In Zeiten, in denen die großen, wichtigen Modelle immer begehrter und immer teurer werden, sollte für Ikonen das ultimative Buch geschaffen werden, in dem von jedem gebauten Fahrzeug jedes Detail zusammengefasst ist. Also jede Fahrgestell-Nummer, jedes Rennen, jedes Ergebnis, jeder Rennfahrer, der hinter dem Volant saß. Ergänzt mit allen internen Papieren und – auf der Wunschliste ganz oben – als edler Kunstband gestaltet und perfekt gedruckt. Das war die Wunschliste von Mercedes-Benz, und nun sind die beiden ersten Bände erschienen: Perfekt recherchiert, phantastisch gedruckt, mit japanischer Bindung und weißen Siebdrucken – und in einer auf 999 Exemplare limitierten Auflage.
Der erste Band beschäftigt sich mit den legendären 300 SLR-Modellen, mit dem die Stuttgarter 1955 die Sportwagen-Weltmeisterschaft gewannen. Ein Modell, das technisch sehr eng an den Silberpfeilen angelehnt war, mit denen Mercedes-Benz 1954 und 1955 bereits die Formel 1-Weltmeisterschaft gewannen. Eines der großartigsten Stücke von Mercedes-Technologie, das die Mille Miglia ebenso wie Targa Florio gewann – das aber auch ewig mit der Katastrophe von Le Mans verknüpft sein wird. Als einer der führenden Kunstbuch-Verlage hat Hatje Cantz mit diesem Band, dem mittlerweile der Band 2 über die 300 SL-Rennwagen des Jahres 1952 gefolgt ist, zwei Kunstwerke editiert, die rasch in den diversen Bibliotheken verschwinden werden – Wertzuwachs ist garantiert.
Noch ein paar Worte zum Band 2: Mit den hier beschriebenen 300 SL-Rennwagen kehrte Mercedes-Benz 1952 in den internationalen Rennsport zurück und gewann vier von den fünf Rennen, in denen man antrat – darunter Le Mans und den Großen Preis von Bern. Nur bei der Mille Miglia endete man auf Rang 2. Dieser Rennwagen mit den charakteristischen Flügeltüren war dann der Ausgangspunkt für den „Flügeltürer“, der von 1955 an in den Garagen der Reichen und der Schönen landete. Man kann sich heute kaum vorstellen, welche nationale Begeisterung es 1952 auslöste, dass Deutschland – nach dem Sieg bei der Fußball-WM – nun auch noch Le Mans gewonnen hatte. Natürlich gibt es bereits viele Bücher zu diesen Rennwagen, die beiden ersten Bände der Reihe „Meilensteine des Motorsports“ lassen sich jedoch nicht mit dieser Konkurrenz messen: Sie stehen als Solitäre im Raum. Man darf gespannt sein, welche Modelle in dieser Reihe noch folgen werden. lew.
Günter Engelen, Meilensteine des Motorsports (Band 1): Mercedes-Benz 300 SLR, Verlag Hatje-Cantz, € 199,–. Günter Engelen, Meilensteine des Motorsports (Band 2): Mercedes-Benz 300 SL Rennsportwagen, Verlag Hatje-Cantz, € 199,–.
 

Eine bunte Mischung

René Staud zählt zweifellos zu den großen Auto-Fotografen, der in den vergangenen Jahrzehnten Hunderte von Fahrzeugen für die Werbekampagnen der Industrie, für Kalender und Bücher perfekt in Szene gesetzt hat. Hin und wieder packt der Leonberger dann einen Teil seines Archivs zusammen und schafft zusammen mit Hendrik teNeues einen großformatigen Bildband, der die Liebhaber schöner Fahrzeuge begeistert. So entstand auch das Werk „The Classic Cars Book“, in dem Staud vom Alfa Romeo 6C 2500 bis hin zum Rolls-Royce insgesamt 31 Klassiker präsentiert – darunter bekannte Gefährte wie ein Aston Martin DB 5 Convertible oder einen Ferrari 250 GT SWB, aber auch Raritäten wie einen Cisitalia 202 und einen Klassiker von Morgen: den Bugatti Veyron. lew.
René Staud, The Classic Cars Book, Verlag teNeues, € 98,–.
 

Ein unendliches Thema

Es wird die ewige Frage bleiben: Wer war der beste Formel 1-Fahrer aller Zeiten? Dementsprechend viele Bücher gibt es auch dazu – der Italiener Roberto Gurian hat dazu die Portraits von 43 Champions geschrieben und mit einer interessanten Auswahl an Fotos illustriert. Natürlich wird die „ewige“ Frage mit diesem Buch nicht gelöst, aber Gurian hat eine interessante Melange an Top-Piloten ausgewählt, er erzählt flüssig deren Lebensläufe und Schicksale – und die Fotos machen Laune, diesen interessanten Band, der zu einem fairen Preis angeboten wird, intensiver zu lesen und betrachten. Für Formel 1-Fans eine schöne Ergänzung der Bibliothek. lew.
Roberto Gurian, „Pole Position“, Verlag Delius Klasing, € 29,90.